Die Weltbühne
Wir lesen nicht blind, sondern – das bringt die Arbeit so mit sich – auch inhaltlich. Es gibt häufig Gesprächsrunden zu Themen, die Einer plötzlich interessant findet oder andere aktuelle Zeitbezüge haben, wie in diesem Fall: Ein fleißiger Talkshow-Hörer, sah und hörte Lilo Pulver. So entstand ganz spontan, jener nachfolgender Brief. Sehr verehrte, liebe und wunderbare Frau Pulver, ich habe Sie unlängst in einer Talk-Show (Riverboat?) gesehen, Sie haben so zauberhafte Anekdoten über die langsamen Berner erzählt und der Schweizer ARD-Wetterfrosch war auch dabei und Ihr wunderschönes Lachen. Dies fiel mir wieder ein, als ich an der Anekdoten-Auswahl aus der alten “Weltbühne” weiter arbeitete und ähnliche Anekdoten fand. 1932 erschienen die, offensichtlich ist die Langsamkeit der Berner schon ein längeres Thema. Ich möchte Ihnen diese Geschichten gerne schicken, auf das Ihr Repertoire an Anekdoten erweitert wird und weil ich Ihnen vielleicht eine ganz kleine Freude mache: Schotten sind geizig, das weiß jedes Kind. Aber die Berner, die Berner sind langsam. Da traf Professor Picard auf seinem Stratosphären-Flug zwei Engel. Er redet sie deutsch an, nichts; französisch, nichts; englisch, wieder nichts. Da sprachen sie, und sie sprachen bernerdeutsch. “Wer seid Ihr denn?” fragte der Professor. “Wir sind zwei berner Landsknechte”, antworteten die Engel. “Wir fliegen in den Himmel - wir sind nämlich in der Schlacht bei Murten gefallen.”
*
In Bern haben sie einmal eine Turmuhr frisch gestrichen, da beschwerte sich der Malergeselle: der kleine Zeiger laufe ihm immer aus der Hand.
Und ich blättere... Zuerst suche ich mir alle Polgars zusammen. Fast von Anfang an ist er da -
und ich schmunzle im Geist noch einmal alle Wiener Theaterpremieren durch,
die er mit seiner bitterheiteren Gegenwart beehrt hat. (...) Und ich lese seine heiterste und bunteste Skizze „Scharlach“ (nur für Kenner!) - und ich muß lachen, ganz wie beim erstenmal...
*
Ein Züricher und ein Berner fingen einst um die Wette Schnecken. Nach einer Stunde hatte der Züricher siebzig, der Berner aber sechs. “Ich hatte schon sieben”, sagte der Berner. Aber beim Zählen ist mir eine wieder weggelaufen.”
Das eidgenössische Schützenfest für das Jahr 1933 soll in Freiburg stattfinden. Man hatte es erst wieder absagen wollen, aber das geht nun nicht mehr: die Berner sind schon unterwegs. Die Berner werden sehr beneidet von den anderen Kantonen. Gerät nämlich ein Züricher in Schulden, dann hat der Gerichtsvollzieher schon längst alles bei ihm weggeholt, während ein Berner noch paarmal Silvester feiern kann, ehe die erste Zahlungserinnerung bei ihm einläuft.
Ein Berner zertritt auf einem Spaziergang eine Schnecke und muß sich dafür die schwersten Vorwürfe seines Begleiters anhören, worauf er sich empört verteidigt: ”I kcha doch nüt derfür, wenn mer dä Hagu vo hinde in d’Scheiche cheibet”! ( Ich kann doch nichts dafür, wenn mir das Luder von hinten in die Beine rast.)
Karte mit eigenhändiger Zeichnung von Liselotte Schmid-Pulver (Lilo Pulver) an Joachim Bergmann.