Alte Weltbühnen - Peter Panter 1920
Manchmal, nachts, blättere ich in alten
„Weltbühnen“.Ich habe so ziemlich alle: einzeln,
in roten Heften,deren Farbnuance des Umschlags schwankt, und ernst gebunden,in dicken roten Leinenüberzügen.
Und ich blättere... Zuerst suche ich mir alle
Polgars zusammen. Fast von Anfang an ist er da - und ich schmunzle im Geist noch einmal alle Wiener Theaterpremieren durch, die er mit seiner bitterheiteren Gegenwart beehrt hat. (...)
Und ich lese seine heiterste und bunteste Skizze „Scharlach“ (nur für Kenner!) - und ich muß lachen, ganz wie beim erstenmal...
Und ich lese S.J., wie der unter der berliner
Lämmerherde der Schohspieler herumwütete und sie schlachtete und fraß und wonnesam brummte, wenn er den Bauch voll hatte -und lese seine leisen Locktöne zu Reinhardt herüber, als er den noch uneingeschränkt liebhaben konnte...
Und ich lese - entschuldigen Sie - mich selbst.
Das heißt: ich lese mich eigentlich gar nicht. Ich
erinnere mich nur. Ich erinnere mich, wie das
gewesen ist, als ich dies Gedicht da schrieb und
jenes - was für Zeiten das waren (und was für
Honorare es damals gab), und welche
Damen ich in mein Herz geschlossen hatte.
Es ist wie eine kleine Biographie, diese
„Weltbühne“ - ich kann mir an den Fingern
abzählen, wie alles gelaufen ist mit mir.Gibt es
wohl eine Liebe - und wäre es auch nur eine von
den ganz kurzen, brennendsten gewesen -, die
ich nicht abkonterfeit hätte? Keine. S.J. ließ mir
den Spaß (sucht euch Redakteure, die keine
Unteroffiziere sind!), und nur, wenn Gussy Holl
öfter als viermal im Monat in den Artikeln
verkleidet, persönlich oder zitiert auftauchte,
weinte er leise. Ich konnts doch aber nicht
lassen, und ich kanns heute noch nicht.(...)
Es war eine schöne Zeit. Guten Tag, kleine Hefte!
Das ist keine Reklame für euch - denn der
Herausgeber weiß kaum,wie er euch noch liefern
soll, und viele von euch gibts gar nicht mehr in
den Verlagsregalen.

Kleine Hefte, guten Tag!

Und ich bemerke, daß sie nicht nur das Leben
eines Panters aus den letzten Jahren wider-
spiegeln,sondern, wenn man genau hinsieht,
unser ganzes Leben und unsere ganze Zeit.

Kurt Tucholsky alias Peter Panter
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